Titel

Jahrhunderte saß Kaiser Barbarossa unter dem Kyffhäusergebirge in seinem glitzernden Palast und wartete auf seine Erlösung. Inzwischen war ihm schon der lange, rote Bart durch den Marmortisch gewachsen, an dem er saß. Aber die „Goldene Zeit“ in der er erlöst werden sollte, wollte nicht kommen. Als Zeichen für seine Erlösung galt die Krähenschar, die ständig über dem Berg kreiste und die dann verschwunden sein sollte, gemäß dem alten Lied: „Doch wenn die alten Raben noch fliegen immerdar, dann muss ich auch noch schlafen verzaubert hundert Jahr!“

Aber immer wieder begehrten Menschen Einlass in den unterirdischen Palast von Kaiser Rotbart, denn es ging die Mär im Lande, dass der Kaiser große Schätze angehäuft hatte und sie gern mit dem Volke teilte. Alle die Einlass fanden, kamen aber bei Lebzeiten nicht wieder ans Tageslicht zurück.

Damals gab es am Fuße des Kyffhäusers ein verliebtes Paar, das sich nichts sehnlicher wünschte als heiraten zu können. Sie legten den Tag der Hochzeit fest, aber es fehlte ihnen an Geld die Hochzeit auszurichten. Da sagte ihnen ein Freund im Scherz: „Geht doch zu Rotbart hinab, der hat Gold und Silber in Hülle und Fülle, vielleicht gibt er euch etwas ab!“. Die Beiden nahmen diese Worte jedoch ernst und gingen einen Tag vor ihrer Hochzeit zur alten Kyffhäuserburg. Sie nahmen mehrere kleine Mehlsäcke mit und hofften, Rotbart würde sie zu reichen Leuten machen. Es war Abend geworden, als die beiden die Burgruine erreichten. Aber dort oben konnten sie keinen Eingang finden. Müde und hungrig setzten sie sich ins Gras, mit dem Rücken an die alten Mauern gelehnt und verspeisten ihr mitgebrachtes Brot. Nach dem Essen dauerte es nicht lange und sie schliefen den Schlaf des Gerechten. Plötzlich dröhnte ein Schlag, so als wenn eine Turmuhr zwölf schlug. Erschrocken sprangen die Beiden auf. Der Mond schien auf das alte Gemäuer und beleuchtete ein Tor mit einem großen Klopfer. Beherzt klopfte der Bräutigam dreimal kräftig gegen das Tor. Dumpf und mächtig hallte es wieder und die Beiden begannen sich zu fürchten, doch da hörten sie wie sich Schritte näherten. Dann rief hinter der Tür eine dunkle Stimme: „Wer begehrt hier Einlass?“. Sofort ergriff die Braut das Wort und brachte ihr Anliegen vor. Da öffnete sich das Tor und vor ihnen stand ein kleines Männlein mit langem eisgrauen Bart. Illustration zurSage von Lisa Berg

 
„Tretet näher“, sagte es, „Euer Wunsch soll euch erfüllt werden!“ Sie folgten dem Zwerg in den Berg, viele Stufen ging es hinab, einen langen schmalen Gang entlang, bis sie in einen großen, blendend-hellen Saal kamen. Das war der Kristallsaal von Kaiser Rotbart, der in der Saalmitte an einem riesigen Marmortisch saß.

Der Kaiser sah das Paar an und fragte: „Fliegen die Raben noch über dem Berg?“. Dumpf hallte seine tiefe Stimme wieder und die beiden bejahten furchtsam. „So muss ich noch weitere hundert Jahre hier ausharren!“ sagte Rotbart, dann schloss er die Augen und kümmerte sich nicht weiter um die beiden. Eine wunderschöne Jungfrau mit langen, goldenen Locken und einem weißen, glitzernden Kleid kam in den Saal. Es war des Kaisers Töchterlein. Sie fragte das Paar nach ihrem Begehr und als die Braut alles erzählt hatte, wünschte sie den beiden zuerst viel Glück, dann  öffnete sie eine große Truhe und füllte die kleinen Mehlsäcke mit Goldmünzen. Braut und Bräutigam bedankten sich ganz herzlich bei der Prinzessin. Dann lud sie die beiden noch zu einem Becher Wein zur Stärkung ein. Kaum hatten die den Wein getrunken, schliefen sie auch schon ein. Als sie wieder erwachten, war heller Tag, die Sonne schien und sie lehnten mit dem Rücken gegen das alte Gemäuer. Alles was sie erlebt hatten erschien ihnen wie ein Traum, aber dass es keiner war, belegten die Säckchen mit Goldmünzen.  Plötzlich wurde ihnen auch klar, das heute ihr Hochzeitstag war und sie liefen so schnell sie ihre Füße tragen konnten, in ihr Dörfchen.

Als sie dort ankamen, sah alles so merkwürdig anders aus!  Auch ihr Haus erkannten sie nicht wieder, aus der kleinen Hütte war ein schönes, großes Haus geworden. Aber darin wohnten fremde Leute! Die kamen aus dem Haus und da stellte sich heraus, dass  das Paar hundert  Jahre im Kyffhäuser zugebracht hatte und nicht nur wenige Stunden. Als die sich dann betrachteten, bemerkten sie, dass sie uralt geworden waren.  Aber es lebten noch Verwandte, die sich um sie kümmerten. Und da sie wohlhabend waren, konnten sie die kurze Zeit, die sie noch zu leben hatten, noch glücklich verleben.



aufgeschrieben von Bernd Sternal
gezeichnet von Lisa Berg